image slideshow

Das alte Märchen von drei Sorten Mensch
02.03.2016 | Kategorie: Reden, Bildung | von: Ruth Ratter

Plenarrede am 25.2. zum CDU-Antrag "Für ein vielfältiges und differenziertes Schulsystem in Rheinland-Pfalz" – Drucksache 16/6178



 Abg. Ruth Ratter, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: 

 

Vielen Dank, Herr Präsident. Im Gegensatz zu Frau Brück habe ich mich über den Antrag gefreut, gibt er mir doch die Möglichkeit, noch einmal grundsätzliche Dinge anzuführen.

 

(Zuruf des Abg. Alexander Licht, CDU)

 

– Liebe CDU und Herr Licht, ich habe nicht vor, unser Wahlprogramm vorzutragen, sondern ich spreche hier über grundsätzliche Erwägungen, die auf eine andere Richtung abheben, nämlich auf die Quintessenz Ihres Antrags, liebe CDU. Dreigliedrigkeit von Schule und Lehrerausbildung, Einheitsabschlüsse für alle. Das ist Ihrer Weisheit letzter Schluss.

Oft schon musste ich an dieser Stelle Ihre Bildungspolitik verdächtigen, sie wolle zurück in die 50er-Jahre 

 

(Julia Klöckner, CDU: Rohrstock haben

Sie mir einmal vorgeworfen!)

 

So groß ist Ihre Scheu vor pädagogischen Innovationen, so klein das Vertrauen in Lernende und Lehrende, dass man alle wieder in das enge Raster zurückdrängen will. Für Ihren heutigen Antrag „Für ein vielfältiges und differenziertes Schulsystem in Rheinland-Pfalz“ muss ich tatsächlich noch viel weiter zurückgehen in die Geschichte, um Ihr bedauerliches Missverständnis begreifbar zu machen. Aber Schritt für Schritt!

 

An der Oberfläche sieht Ihr Antrag freundlich aus. Vielfalt ist der am häufigsten gebrauchte Begriff. Fast verdeckt er, dass Sie eine Pädagogik von der Lehrerpersönlichkeit – Absatz 2 – und nicht vom Kinde aus verfechten. Manche Lehrerverbände werden Ihnen gerade das danken. Politisch verantwortungsvoll empfinde ich das gegenüber unserem Nachwuchs nicht. So kann ich es heute leider nicht als meinen persönlichen Erfolg feiern, dass Sie, liebe CDU, endlich die Vielfalt entdecken und einfordern, wo ich Ihnen doch fünf Jahre lang den Mut dazu geredet habe, unser aller Individualität als Reichtum und soziale Ressourcen zu begreifen; denn unter der Oberfläche sieht man, dass diese Vielfalt allein für die Systeme gefordert wird. Förderschule, Realschule plus, Gymnasium, zur Not noch die IGS. Mehr als drei Sorten Mensch sieht Ihr Bildungswesen nicht vor. Das nenne ich eine echte Posse.

 

Sie werden uns immer wieder vorwerfen, wir wollen eine Einheitsschule. Aber tatsächlich sind Sie es, die den Einheitsbrei an unsere Schülerinnen und Schüler in den alten Schläuchen Gymnasium, Realschule plus und Förderschule liefern wollen.

 

(Zuruf der Abg. Bettina Dickes, CDU)

 

Frau Dickes, Sie glauben nämlich wirklich noch daran, dass es genau drei Sorten Menschen gibt und der eine oder andere mit der Geburt oder wenigstens nach der Grundschule entsprechend in eine Schublade einzusortieren ist.

 

(Zuruf der Abg. Marlies Kohnle-Gros,

CDU)

 

Es gibt aber nicht nur Hauptschüler und Förderschüler, und geborene Gymnasiasten gibt es auch nicht. Um zu erklären, wieso wir an solche Begabungstypen nicht glauben, gehen wir in der Geschichte der abendländischen Kultur noch etwas weiter zurück, nämlich in die Antike. Es war der rhetorische Kunstgriff eines Antidemokraten, Platon– ganz schön reaktionär –, von drei Sorten Menschen zu fabulieren. Im dritten Buch der Politeia spricht er von Menschen in Gold, aus Silber und den einfachsten nur aus Eisen. Er glaubte es nicht, was er da sagte, auch nicht Glaukon und Sokrates, denen er diese Worte in den Mund gelegt hat. Aber er hoffte, mit der Verbreitung dieses Mythos gegen die attische Demokratie die Vorstellung einer kastenähnlichen Gemeinschaftsordnung effektiv durchsetzen zu können.

 

(Julia Klöckner, CDU: Ach, können Sie

nicht zur Bildungspolitik in

Rheinland-Pfalz reden?)

 

Er glaubte nämlich, dass dieses Märchen zwar keinen Glauben fände, aber sehr wohl bei den Söhnen, den Nachkommen und den anderen Menschen der Zukunft Nachwirkungen haben könnte. Platons Märchen von den drei Sorten Mensch war extrem erfolgreich bei den Menschen der Zukunft.

 

Ideenhistoriker zeichnen Mentalitätsschatten nach zu so verstreuten Punkten wie Sigmund Freuds Dreiteilung der Seele über die drei Stände des preußischen Militärs bis zum dreigliedrigen Schulsystem. Heute wissen wir mehr als Platon seinerzeit, mehr über Menschen, über Individualität und über Möglichkeiten der Bildung. Wir alle hier sind Demokraten und wollen niemanden auf eine Kaste festnageln oder ihm einen standesgemäßen Stempel von Bildung aufdrücken.

 

(Beifall bei dem BÜNDNIS 90/DIE

GRÜNEN und vereinzelt bei der SPD)

 

Dass wir das mit dem segregierenden Bildungssystem tun, ist hinlänglich bekannt. Schon in den 70er-Jahren hat Pierre Bourdieu über die soziale Konstruktion der ‚feinen Unterschiede‘ in der Bildung aufgeklärt. In der Expansion der empirischen Bildungsforschung nach dem Pisa-Schock hat die Wissenschaft eindrucksvoll Daten hierzu aufgetürmt. Inklusionsforscher wie Bettina und Christian Lindmeier bestätigen darüber hinaus, dass etwa die sogenannte Lernbehinderung Kindern erst anerzogen wird, oft das nackte Resultat einer sozialen Benachteiligung unschuldiger Kinder ist. Das ist eine systemischer Effekt,

 

(Glocke des Präsidenten)

 

gegen den auch die besten Pädagogen und Pädagoginnen im gegliederten Bildungswesen machtlos bleiben. Ja, wir brauchen dringend Förderlehrerkräfte, aber nicht zwingend in abgekapselten Sonderwelten.

 

(Zurufe der Abg. Marlies Kohnle-Gros,

CDU)

 

Heute sind neben den vorbildlichen Grundschulen nur 55 der 1.533 Schulen im Land eine solche Schule für alle, also nur 9,5 % der Kinder

 

(Glocke des Präsidenten)

 

können eine IGS besuchen, pädagogisches Neuland betreten, binnendifferenzierte Didaktik, 

 

(Glocke des Präsidenten)

 

Schulkultur der Teilhabe und Mitbestimmung erleben.

Danke schön.

 

(Beifall des BÜNDNIS 90/DIE

GRÜNEN und der SPD)