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Landtag Infos

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Geist der Zeiten
09.11.2014 | Kategorie: Reden, Kultur | von: Ruth Ratter

Kanzelrede am 9.11.2014 in der Schlosskirche, Bad Dürkheim, anlässlich des Gedenktags an die Reichspogromnacht im Jahr 1938 und den Fall der Mauer 1989



Sehr geehrtes Damen und Herrn,

lassen Sie mich zunächst meinen Dank an Sie, liebe Gemeinde, richten, dass Sie heute gekommen sind, auch um mir zuzuhören, und vor allem aber an Sie, liebe Frau Dekanin Hoffmann, dass Sie mich zu diesem Gottesdienst eingeladen haben.

Sodann erlauben Sie mir, eine Bemerkung voranzustellen, die den Begriff des „Erinnerns“ in den Mittelpunkt stellt:

Erinnern: 

Für mich bedeutet „Erinnern“: Erlesenes oder Erlebtes zu vergegenwärtigen und zu überdenken; auch sich dabei beobachten, meiner selbst und des Gegenstandes vergewissern, sich tastend hinterfragen - nachspürend, ob nicht eine Selbsttäuschung vorliegt.

Erinnerung kann tückisch sein, uns hinters Licht führen! Aber sind nicht wir selbst es, die den Prozess des Erinnerns gestalten? Wer hat nicht schon einmal erlebt, wie mit dem zeitlichen Abstand sich Erinnerungen verklären!

Am stärksten haften Bilder in unserem Gedächtnis, doch auch Gerüche, Geräusche und Gefühle graben sich tief in unsere Erinnerung ein und bestimmen unsere „Vor-Stellung“ von vergangenen Ereignissen. Dabei bleiben negative Ereignisse häufiger haften als positive und bieten Anlass für Erinnerungen. 

Ältere Menschen können sich besonders gut an Episoden aus der Zeit ihres Alters zwischen 15 und 25 Jahren erinnern. Die Gründe für diese in der Psychologie so bezeichneten „Erinnerungshügel“ liegen darin, dass sich in dieser Zeit die Identität entwickelt. Dadurch kommt es zu vielen neuen Erfahrungen, die Modelle für die Zukunft und die Grundlage für kognitive Struktur bieten. Unser Bild von uns als Person spiegelt sich damit wider in der Art und Weise, wie wir uns erinnern, und umgekehrt kann das Erinnerte nicht von der Informationsquelle betrachtet werden.

 

Dies schicke ich voraus, denn Geschichte besteht letztlich aus Erinnerungen, aus dem Erzählen von Geschichten also: aus erinnerter Vergangenheit, deren Wahrheitsgehalt erst durch Überprüfen, Vergleichen, Verifizieren, also durch die wissenschaftliche Bearbeitung belegt werden kann. Die Bewertung so verdichteter und oft auch sich gegenseitig relativierender Einzelerlebnisse erfolgt im Rückblick. Geschichten und Einzelschicksale werden so kontextuell eingeordnet und interpretiert zu „Geschichte“ und das gegebenenfalls mehrfach und aus unterschiedlicher Perspektive mit unterschiedlichen Ergebnissen.

Deutlich wird damit auch, dass nicht nur die individuelle Betrachtung von Bedeutung ist: Auch das kollektive Gedächtnis atmet den Zeitgeist und unterliegt der Wandlung!

 

Goethe

wusste um die Bedingtheit historischen Bewusstseins und damit auch „der“ Geschichte, als er Faust den „Geist der Zeiten“ umschreiben ließ (Faust I: 575-577):

         „Was ihr den Geist der Zeiten heißt,
           Das ist im Grund der Herren eigner Geist,
           In dem die Zeiten sich bespiegeln.“

 

 

Der heutige 9. November bietet Anlass zu vielen Erinnerungen, die meisten allerdings nur „second hand“ für uns Nachgeborene – hier eine subjektive und reduzierte Auswahl frei nach Wikipedia:

 

 

Das letzte Datum werden die meisten von uns in Erinnerung haben. Die Älteren unter uns erinnern sich an den Jubel, das ungläubige Staunen, die unbändige Freude...

 

Und wer sich nicht aus eigener Kraft zu erinnern vermag, wie die jugendlichen KonfirmandInnen, erinnert die Bilder der Medien aus dem kollektiven Gedächtnis. Eckpunkte des kollektiven Erinnerns werden zu „Denkmalen“, korrespondieren mit Gedenkorten und Gedenktagen. So auch am 9. November.

Und es stellt sich damit die Frage, welche Inhalte wir verinnerlichen und weitergeben werden (sollen)? Welche Botschaften verbinden wir für uns selbst und die nachfolgenden Generationen mit dem 9. November?  

Die Liste der Ereignisse an diesem Kalendertag offenbart, dass es keine einheitliche Interpretation geben kann.

 

Gedenken ist öffentliches Erinnern, und in den vergangenen 25 Jahren wurde mehrfach öffentlich diskutiert, welchen Stellenwert der 9. November in der Geschichte Deutschlands hat und in der Erinnerungskultur des Landes haben soll.

 

Kalendertage sind letztlich willkürliche gesetzt, bei einer anderen Einteilung fielen die angeführten Ereignisse nicht auf den gleichen Tag. Etliche davon waren zudem propagandistisch gesetzt, ausgerichtet an dem Versuch der Überhöhung des nationalsozialistischen Regimes. Bei anderen Ereignissen ist die Datierung blanker Zufall!

 

Diese Feststellung befreit uns aber nicht von der Notwendigkeit der Einordnung des Datums und erlässt uns auch nicht die Interpretationspflicht der Geschehnisse und deren Gegenwartsbezug!

 

Wolf Biermann hat vorgestern im Bundestag bezüglich des Gedenktags zum Mauerfall den Finger in eine offene Wunde gelegt, als er mit einem Skandalisierungsversuch öffentlich die Gemüter erregte. Sicher hat hier der Sänger und kritische Zeitzeuge aus ganz persönlicher Betroffenheit agiert und agitiert, aber waren es nicht auch die relative zeitliche Nähe zum Ereignis des Mauerfalls (nur ein Vierteljahrhundert) und damit verbunden das Fehlen eines gesamtgesellschaftlichen Konsenses in der Bewertung der Historie, was ihn zu seiner Aktion veranlasst hat? Biermann hat am vergangenen Mittwoch im Landtag von Rheinland-Pfalz schon einmal den Tabubruch geübt. Auch dort war er als Sänger eingeladen, sollte drei Lieder singen (darunter auch die „Ermunterung“) und machte aus seinem Herzen keine Mördergrube... Für ihn ist die Vergangenheit noch längst nicht vergangen, er sieht – wie die Studenten 1967 mit Bezug auf den Nationalsozialismus – noch den Muff des Unrechtsstaates der DDR in der Gegenwart der Bundesrepublik Deutschland. Biermann klagte demokratisch gewählte VolksvertreterInnen an, und wenn wir auch seine Meinung nicht teilen, müssen wir uns dennoch mit seinen Argumenten auseinandersetzen und uns fragen, wo wir heute mit unseren Träumen von damals angelangt sind, ob wir die Erwartungen der friedlichen Revolution eingelöst haben.

 

Die Erinnerung an den Mauerfall hat in diesem Jahr deutlich gemacht, wie fragil unsere Erzählung vom Mauerfall doch ist! Im Binnen- wie im Außenverhältnis gibt es nicht die eine Erzählung! Und doch kann das Gedenken auch als ritualisierte Erinnerung bedeutsam sein, große Gesten auslösen und zum Zeichen der Versöhnung werden. Ob spontan oder inszeniert finden sich Beispiele: Mitterand und Kohl in Bitburg Händchen haltend oder Brandt beim Kniefall in Warschau...

 

Der frühere sowjetische Präsident und Friedensnobelpreisträger Michail Gorbatschow sprach ebenfalls in Berlin von einem „Zusammenbruch des Vertrauens“ und meinte im Zusammenhang mit dem Ukraine-Konflikt: „Die Welt ist an der Schwelle zu einem neuen Kalten Krieg. Manche sagen, er hat schon begonnen." 

 

EX-Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher forderte angesichts der aktuellen Ost-West-Spannungen einen "Neuanfang" für Europa in einem Radiogespräch mit der Deutschen Welle: "Es besteht eine große Sorge, weil ich nicht glaube, dass aus den Chancen, die das Jahr 1989 geboten hat, das gemacht wurde, was gemacht werden konnte." 

Drei alte Männer – drei sehr persönliche Betrachtungen, zeitgebunden und dennoch: drei kritische Blicke auf das Erbe des Mauerfalls, dem auch wir uns stellen müssen.

 

Karl Jaspers’ Kulturkritik von 1932 mit dem Titel „Die geistige Situation der Zeit“ verweist darauf, dass nicht ein Zeitgeist die Situation bestimmt, sondern die Vorgeschichte der von ihm betrachteten Gegenwart den Geist dieser Zeit erklärt.

(Karl Jaspers: Die geistige Situation der Zeit. 1932) 

 

Ein Dilemma bleibt: Macht der Rückblick auf die Vorgeschichte auch erst die Bedeutung geschichtlicher Ereignisse fassbar, so verblassen gleichzeitig mit dem Verlust der Zeitzeugen die lebendigen Eindrücke. Deswegen ist es so wichtig, dass wir jetzt noch die Diskurse führen, die an die Wiedervereinigung geknüpft sind. Sie sind wichtig – auch für eine Weiterentwicklung Europas!

 

Dennoch ist der 9. November für mich zu allererst der Tag der Reichspogromnacht und als Gedenktag  unveräußerlich, überschattet er doch alle späteren Ereignisse an diesem Kalenderdatum – selbst den Fall der Berliner Mauer. Denn die Reichspogromnacht  markiert den Anfang des staatlich, militärisch, medizinisch und industriell organisierten Holocausts. 

 

Im Sinne der These von Karl Jaspers ist es für das tiefere Verständnis eines Ereignisses oder einer Entwicklung notwendig, sich mit der Vorgeschichte intensiv zu befassen. Mit dem Aufstieg der Nationalsozialisten, den  Entwicklungen ab dem 30. Januar 1933 (und davor!), mit der fortschreitenden Entrechtung, Ausgrenzung und Verfolgung der Juden, der politisch diskriminierten Minderheiten, der Homosexuellen, der Sinti und Roma sowie aller weiteren Verfolgten und natürlich mit der Vorgeschichte des Nationalsozialismus, mit den Verwerfungen der Weimarer Republik.

Diese Auseinandersetzung kommt heute immer noch zu kurz, und ich bin sehr froh darüber, dass mit der Gedenkstätte für die Opfer der NS-Zeit in Neustadt, den Stolpersteinen in unseren Städten und Dörfern, den nun offenen Archiven regional belegbar ist, in welchen Schritten der totalitäre Staat von den ersten Verhaftungen 1933 hin zu den Novemberpogromen 1938 und dann über die Deportationen nach Dachau und Gurs bis in die Vernichtungslager im Osten seinen Weg nahm. Seinen Weg nahm? Wir wollen nicht vergessen, dass es dazu Menschen brauchte, die diesen Weg gingen – Täter wie Opfer, denn Wege entstehen beim Gehen! Wege des Handelns und auch des Verstehens!

 

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden in zahlreichen Städten und Gemeinden des NS-Staates Menschen jüdischen Glaubens gequält und getötet. Synagogen, Einrichtungen, Geschäfte und Wohnungen wurden überfallen, verwüstet, zerstört oder in Brand gesteckt.

 

Die Übergriffe verliefen fast alle nach demselben Muster: NS-Ortsversammlungen wurden einberufen, Gauleiter oder Sturmbannführer hielten antisemitische Hetzreden. Die Teilnehmer liefen meist direkt zu jüdischen Geschäften, Wohnungen oder Einrichtungen und auch zur Synagoge, um diese zu zerstören. Die Sicherheitsdienste waren durch zentrale Rundschreiben aufgefordert, die Aktionen nicht zu behindern, jedoch deutsches Leben und Eigentum zu schützen, Plünderungen jüdischen Eigentums zu verhüten und sofern möglich in allen Bezirken insbesondere wohlhabende gesunde männliche Juden nicht zu hohen Alters festzunehmen.

 

Dies geschah auch in Bad Dürkheim wie Georg Feldmann der 'Pfälzer Heimat' (1990) berichtet:

Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Inneneinrichtung der Synagoge , die Fenster und Türen von NS-Parteigenossen völlig zerstört. Auf dem Obermarkt wurden die Torarollen und der Leichenwagen verbrannt. (...)

 

Zunächst wurden alle Juden, Männer und Frauen, in sog. „Schutzhaft“ genommen. ln einem Hintergebäude des Stadthauses in der Mannheimer Straße wurden sie eingesperrt. Die Unterbringung war katastrophal, insbesondere, was die sanitären Verhältnisse betraf. Auch konnten sich die meisten der lnhaftierten noch nicht einmal hinsetzen. Am Abend wurde die Aktion abgeblasen, und man hat sie wieder freigelassen.

 

(...) In dem Haus meiner Eltern, Weinstraße-Nord 5, wohnte im 2. Stock in Miete eine jüdische Familie, Hugo KAHN und Frau, zwei ältere Leute, ohne Kinder, die nie jemand etwas zu Leid getan hatten. Er war Weinkommissionär, von Leistadt gebürtig. ln der Herbstzeit war er meist in Leistadt, wo er die Winzer kannte und seine Geschäfte machte. Es war am 10. oder 11. November, aber nicht während der Nacht, sondern am helllichten Tag. Sechs SS-Männer von auswärts, wir kannten sie deshalb nicht, stürmten unter Führung eines Dürkheimer SS-Mannes, der die Wohnung der jüdischen Eheleute kannte, hinauf in die Wohnung KAHN. Sie wollten schon bei uns anfangen, aber mein Vater hörte, wie der Dürkheimer sagte: „Do net, do net!“  Wir, meine Eltern und Geschwister, waren unten in unserer Küche. Gleich hörten wir das Krachen von zersplittertem Glas und Porzellan und die .Angstschreie der Frau KAHN. Man hörte, wie Möbelstücke umgeworfen wurden, es war ein Krach und Getöse, dass man befürchten musste, die Zimmerdecke würde herunterbrechen. Der Dürkheimer SS-Mann, der den anderen den Weg gezeigt hatte, beteiligte sich nicht an dem Zerstörungswerk. 

 

Er stand in der nach dem Hof zu gelegenen Veranda, so dass man sehen konnte, dass er sich nicht beteiligte. Vielleicht war ihm die Sache doch etwas peinlich. Das ganze dauerte nicht lange. Die Sechs leisteten gründliche Arbeit. Wir waren wie gelähmt und bestürzt, dass in unserem Hause so etwas passieren konnte und gingen anschließend hinauf in die Wohnung der Familie KAHN. Nie werde ich den Anblick vergessen: Zerschlagene Möbelstücke, z. T. auf den Fußboden geworfen, der Boden bedeckt mit Glas- und Porzellanscherben, die Betten zerstochen, dazwischen die weinende Frau, er selbst wie gelähmt und sprachlos inmitten der Zerstörung. 

(Georg Feldmann, Pfälzer Heimat 41/1990, gekürzt und teilweise in der Rechtschreibung angepasst)

 

Die schreckliche Bilanz für das Deutsche Reich: Über 1300 Menschen jüdischer Religionszugehörigkeit (nach der Definition der Nationalsozialisten) starben in jener Nacht oder bald darauf, über 1400 Synagogen und Betstuben waren zerstört oder zumindest stark beschädigt, ebenso etwa 7500 jüdische Geschäfte, Wohnungen und Einrichtungen. Ab dem 10. November wurden über 30.000 Menschen jüdischer Religionszugehörigkeit von der Gestapo und der SS verhaftet und in die Konzentrationslager Buchenwald, Dachau und Sachsenhausen verschleppt.

Die geplanten Ausschreitungen der Reichspogromnacht waren lediglich einer der Bausteine der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik gegenüber den Juden. Der Terror, der mit den Aufrufen zum Judenboykott 1933 oder den Nürnberger Gesetzen aus dem Jahr 1935 begonnen hatte, erreichte mit dem 9. November 1938 einen ersten schrecklichen Höhepunkt und endete für sechs Millionen europäische Juden mit dem Tod – in den Gaskammern von Auschwitz, Treblinka, Bergen-Belsen, Dachau, … 

 

Was können wir tun? 

Die Deutung der Vergangenheit und deren Veranschaulichung in Mahn- und Denkmalen ist immer wieder Gegenstand öffentlicher Debatten: so beim Jüdischen Museum und beim Holocaust-Mahnmal in Berlin, bei der Setzung von Stolpersteinen (München diskutiert seit zwanzig Jahren über Stolpersteine...), auch bei uns in der Provinz.

 

Der Bezirksverband Pfalz unternimmt seit vielen Jahren gemeinsam mit den badischen Gemeinden eine Fahrt nach Gurs – den Ort, an den die BürgerInnen jüdischen Glauben aus Baden, der Pfalz und der Saarpfalz am 20.10.1940 deportiert wurden. Die offiziellen Gedenkveranstaltungen werden nicht mehr lange von Zeitzeugen begleitet sein. Aber diesen ist es unverändert wichtig, dass ihr Vermächtnis weitergetragen wird.

Noch gibt es Zeitzeugen wie Paul Niedermann, der am kommenden Mittwoch in der BBS NW mit Jugendlichen zusammenkommt. Noch gibt es GesprächspartnerInnen, denen wir zuhören können und die sich unseren Fragen stellen!

 

Im Zusammenhang mit der Arbeit in den Gedenkstätte in Rheinland-Pfalz und anderswo habe ich die Erfahrung machen können, dass auch Angehörige von Tätern zunehmend das Bedürfnis haben, sich zu äußern. Ich halte dies für ermutigend, denn es geht darum, Opfern und Tätern ein Gesicht zu geben, deutlich zu machen, wie es dazu kommen konnte. 

 

Mahnen: Das Problem heißt Rassismus!

Mit der Europawahl sind vermehrt rechtspopulistische, wie die AfD, und teils offen neofaschistische Parteien ins Europaparlament eingezogen. Diesem nationalistischen Rollback müssen wir entgegentreten. 

Seit 1990 wurden über 170 Menschen von Neonazis ermordet. Die (Zwischen-)Bilanz des NSU-Prozesses fällt ernüchternd aus: Der gesellschaftliche Rassismus, der die Täter zu ihren Morden ermutigte, wird viel zu selten thematisiert. 

Seit vielen Jahren wird in Deutschland, als Teil der „Festung Europa“, eine Politik propagiert und umgesetzt, die auf Abschottung setzt und Migrantinnen und Migranten nach ökonomisch „wertvollen“ und „wertlosen“ unterscheidet. Das Dublin II Abkommen ermöglicht es Deutschland, Flüchtlinge in die europäischen Einreiseländern abzuschieben. Das ist keine solidarische EU-Politik. Und aktuell wird RLP von der Bundesregierung angemahnt, dass zu wenige Menschen in sogenannte „sichere“ Herkunftsstaaten abgeschoben werden. Selbst EU-BürgerInnen werden als „Wohlstandsflüchtlinge“ und „Schmarotzer“ beleidigt, wenn sie in Deutschland ein besseres Leben suchen. Besonders hart betroffen sind davon Roma aus Osteuropa. Sie werden schon in ihren Herkunftsländern diskriminiert und hier zu EU-Angehörigen zweiter Klasse degradiert. 

Schauen wir zurück: Vor 70 Jahren, in der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944, ermordete die SS bei der „Liquidierung" des „Zigeunerlagers" von Auschwitz-Birkenau die letzten 3.000 noch lebenden Insassen.

Wir brauchen den Mut, an die Verbrechen in der Vergangenheit zu erinnern und daraus zu lernen, dass wir den Anfängen Einhalt gebieten müssen. Wir brauchen auch den Mut, uns fremden Kulturen zu öffnen – und zwar nicht nur im Urlaub unter Palmen. Ich empfinde das Klima für eine Gesellschaft der Willkommenskultur gegenüber den Flüchtlingen aus Syrien, Somalia oder Afghanistan heute deutlich offener als vor zwanzig Jahren. Die Bereitschaft zur Hilfe ist da, Sprachkurse werden angeboten, Kleidung und Fahrräder gesammelt. Aber machen wir uns nichts vor. Zu schnell kann die Stimmung kippen. Seien wir also auf der Hut.

Lassen wir Raum für das Erinnern an die Zeiten des Totalitarismus in Deutschland - schaffen wir neue Formen des Gedenkens an die verfolgten und an die ermordeten Menschen im Nationalsozialismus – und werden wir nicht müde zu mahnen, damit Ausgrenzung und Verfolgung bei uns nicht wieder Fuß fassen können.

Dann lernen wir und die nachfolgenden Generationen für die Zukunft!