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»Karte und Gebiet« von Michel Houellebecq
28.12.2011 | Kategorie: Kulturtipps | von: Ruth Ratter


Zugegebenermaßen auf Deutsch gelesen, nicht zuletzt deshalb, weil der Autor angeblich nur schwer verdauliche Kost zu bieten hat. Hier aber mitnichten.

 

Der aktuelle Roman des aktuell meist gelesenen, zeitgenössischen Franzosen – ausgezeichnet mit dem Prix Goncourt -  widerspricht der Erwartung, geht nicht nur für Frankophile runter wie Reiselektüre mit seinen süffisanten Bemerkungen über die Kunst- und Literaturszene im Frankreich der Gegenwart – und das nicht wegen der Michelinkarten. Die eingestreuten Zitate von Popper und Wittgenstein und weiteren. Philosophen lassen LeserInnen schon eher leicht ratlos - ob ihrer Wahllosigkeit. Es drängt sich (nicht allein an diesen Stellen) die Frage auf, ob das Spiel mit dem Marktwert der Kunst nicht nur die Eitelkeit des Autors spiegelt.

 

Die ersten zwei Großkapitel des Romans, die der Erzähler seinem Protagonisten dem Maler Jed Martin einräumt, seiner künstlerischen und privaten Provenienz, funktionieren wie der Blick durch das Schlüsselloch und nehmen dennoch, nein eher deshalb, die LeserIn für den aufsteigenden Fotografen und Maler ein, weil der sich der Vereinnahmung der Szene mit steigendem Börsenwert zu entziehen weiß.

 

Wenn dann der Schriftsteller Michel Houellebecq die wohl bereitete Bühne in personam betritt, bleibt er eine Randfigur, wird zunächst nicht klar, welche Rolle er spielt, soll er doch „nur“ ein Vorwort zum Katalog des Künstlers verfassen, welches er ohne Extravaganz und mit Bravour fristgerecht abliefert. Der Vertrag wird mit der ausgemachten Gegenleistung – einem Portrait des Schriftstellers - erfüllt, der Maler kehrt mit ungewissen Vorahnungen nach Paris zurück

 

Abrupt wird aus dem Gesellschaftsroman eine Detektivgeschichte mit allen Kennzeichen des Genres, aber ohne die dazu gehörige Spannung. Die Auflösung des Mordes an der Romanfigur Houellebecq dient letztlich der Entlarvung gesellschaftlicher Zustände. Jed Martin legt den letzten Stein des Puzzles – einer Karte, die er selbst mit zunehmender Einsicht in die eigene Lebensgeschichte, die seiner Familie und das ihn umgebende „Gebiet“ zu legen weiß.  

 

Konstruiert, ja gezirkelt bis zu den Dankesworten des Schriftstellers Michel Houellebecq wird überdeutlich, dass es aus seiner Sicht mehr als eine Karte braucht, die Position des wahren Künstlers zu vermessen. Die Botschaft: Heil bleiben und der ritualisierten Zerstückelung entgehen, die im Roman zum Sinnbild der kranken Welt von Angebot und Nachfrage wird, kann man nur, wenn man - wie Jed Martin - sich zurückzieht in ein Leben, das, wie er vorausschauend am Ende des zweiten Teils bemerkt, „friedlich, freudlos und endgültig neutral“ verläuft.

 

Dass bei so viel Selbstzerfleischung die Konkurrenten, Kritiker und Kunstmarktbeschicker über die Gegenwart hinaus nicht nur Zuschauer bleiben, versteht sich von selbst. Schließlich ist hier ein ganz Großer am Werk, von dem man erwartet, dass er nicht mit Ironie geizt.